Märkische Allgemeine
Donnerstag, 15. April 2004
Ganz schön knifflig

Holzspielzeug für Tüftler: Hans-Joachim Mai stellt in seiner Hinterhofwerkstatt schwierige Puzzles her.

Juliane Wagner

Neuruppin. Ehrgeiz und Ungeduld sind eine denkbar schlechte Mischung. Wer den Teufelsknoten entwirren will, braucht Fingerspitzengefühl und Ruhe. Gaaanz viel Ruhe.

Hans-Joachim Mai (46) nimmt die kniffligen Steckpuzzles mit links und vierzig Fieber auseinander. Und setzt sie wie im Schlaf wieder zusammen. Als sein Marktstand in Potsdam zu Ostern von einer Windböe erfasst wurde, flog das Spielzeug vom Tisch und zerfiel in seine Einzelteile. „Zu Hause habe ich alles auf einem großen Tisch ausgekippt und wieder zusammengesetzt“, sagt er und zuckt gelassen mit den Schultern. Andere hätten dafür Tage gebraucht.

Seit Anfang der 80er-Jahre ist Hans-Joachim Mai auf Holzspielzeug für Tüftler spezialisiert. Aus nordamerikanischem Kiefernholz stellt der studierte Sozialarbeiter Bündel, Sterne, Würfel, Türme, Kreuze und Knoten her. Die meisten Figuren hat er selbst erfunden.

Seit fünf Jahren produziert Hans-Joachim Mai seine Aufsehen erregende Kollektion in Neuruppin. In einer kleinen Hinterhofwerkstatt hat er einen Ein-Mann-Betrieb aufgebaut. Der Name „Sipo & Sapelli“ ist sein Markenzeichen. Die beiden Mahagoni-Sorten stehen für alles, was aus seiner Werkstatt kommt. Dort knobelt Mai immer neue Spiele aus, sägt Leisten zurecht und setzt ein Puzzle nach dem anderen zusammen. Auch um den Vertrieb kümmert sich der Holzspielzeugmacher selbst. Er verpackt seine Steckspiele in kleine, blaue Baumwollsäckchen und verschickt sie an Kunden in ganz Deutschland. „Ein Geschäftsmann bin ich eigentlich nicht“, sagt er. „Das musste ich alles lernen.“

Angefangen hat seine Leidenschaft für Holz in Kassel. Ein Studienfreund, der sich im Keller eine Werkstatt für Holzspielzeug eingerichtet hatte, brauchte dringend Hilfe. Mai sprang ein und ging seinem Freund zur Hand. Anfangs stellte er Ziehtiere für Kleinkinder her, durfte nur hier und da mal am Spielzeug für die großen feilen. „So ging das, bis ich mir meinen ersten Computer gekauft habe“, sagt Mai und schmunzelt.“ Nach einem halben Jahr saß mein Kumpel nur noch am Computer. Und ich hatte die Produktion übernommen.“

Kurz darauf hatte Hans-Joachim Mai seine erste eigene Werkstatt. Der Partner stieg aus und Mai beschloss, sich selbständig zu machen. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, spezialisierte er sich auf Geduldspiele aus Carolina Pine. Das Holz der nordamerikanischen Kiefernart ist härter als das der heimischen Kiefer und besticht mit seiner charakteristischen Maserung. Wenn Mai die Einzelteile per Hand geschliffen hat, ist ihre Oberfläche wie Samt.

Die Herstellung ist streng geheim

Doch vorher passiert eine ganze Menge mehr. Vieles natürlich, was der Holzspielzeugmacher im Traum nicht verraten würde. „Topsecret“, wehrt er ab. Wegen der Konkurrenz.

Den Arbeitsablauf aber gibt der Tüftler preis – zumindest ungefähr. Zunächst sägt er ungehobelte Bohlen in schmale Leisten. Die werden dann in einem hohen Regal getrocknet.

An speziellen, teils selbst gebauten Maschinen beginnt später der eigentliche Spielzeugbau. Mit einem enormen räumlichen Vorstellungsvermögen sägt, fräst und feil der 46-Jährige Einzelteile für die Steckpuzzles zurecht und fügt sie zusammen. Keines sieht dabei aus wie das andere. Und es gibt nur eine Möglichkeit, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Wahrlich teuflisch.

Etwas Besonderes kann Mai an seinem Job aber nicht finden. „Das ist ganz normale Arbeit“, sagt er bescheiden. An Ideen habe es ihm noch nie gemangelt. „Das eigentlich schwierige ist die Umsetzung. Einige Steckspiele hat Mai wieder aus dem Sortiment nehmen müssen, weil sie in der Produktion zu aufwändig waren. Im Gegensatz zu Enthusiasten und studierten Mathematikern sei er „ein kleines Licht“.

Was ziemlich untertrieben ist: Im Raum Neuruppin ist Hans-Joachim Mai mit seiner Spielzeugkunst einmalig. Große wie Kleine stehen staunend an seinem Stand, wenn der Wahl-Neuruppiner sein Spielzeug auf dem Ruppiner Landmarkt anbietet. Sie versuchen zu begreifen, schuckeln und schieben so lange an den geometrischen Figuren, bis sich ein Teil bewegt. Jeder Millimeter ein Erfolgserlebnis. Ohne den Marktverkauf wäre Mais Beruf eine brotlose Kunst. „Dort kann ich immer arbeiten und den Leuten zeigen, wies’s geht, sagt er. Die Kunden wiederum dürfen die Ware berühren und testen. Und viele lässt der Knoten nicht mehr los. Auch zum Mai- und Hafenfest wird Hans-Joachim Mai seine kniffligen Waren feilbieten – bei diesem Namen fast Programm.

Sipo & Sapelli im Internet unter www.sipo-und-sapelli.de

(Anmerkung v. webmaster: Die Altersangabe wurde korrigiert)